Musikalischer Austausch mit dem St. Joseph’s College Ipswich 2026 - ein unvergessliches Erlebnis

Saturday, 27th June: Arrival in a different world

Rote Backsteinhäuser, grüne englische Wiesen, endlich bahnt sich der Reisebus mit 20 Musikerinnen und Musikern, geleitet von Frau Röder und Frau Löbke, durch die Straßen des englischen Wohngebiets den Weg durch das Eingangstor des Campus des St. Joseph’s College Ipswich (52,04°N, 1,13°E). Die Spannung hat ihren Höhepunkt erreicht. Hinter ihnen liegen bereits zahlreiche Proben. Waren sie ausreichend, um mit dem hervorragenden Chor in Ipswich spielen zu können? Hinter ihnen liegt bereits ein erstes Videotelefonat teilweise von der Musikfahrt und der Schule aus. Wie wird man sich mit den englischen Schülerinnen und Schülern verstehen? Und hinter ihnen liegt eine lange Fahrt von 16 Stunden. Vom Maspernplatz über die Niederlande, Belgien, Frankreich, mit einer Pause im Duty-Free Shop, und mit beeindruckenden Meeresblicken auf der Fähre. Wie wird das Proben, Essen, Schlafen in der kommenden Woche aussehen?

Vor ihnen eine Welt, die sich völlig vom Schulalltag in Deutschland unterscheidet: Kein Turm, kein Asphalt, kaum Treppen. Dafür ein Campus mit zahlreichen Schulgebäuden, großflächigen Sportfeldern und Internatshaus, im Englischen „Boarding School“. Vor ihnen eine Woche voller unvergesslicher Erfahrungen, vieler neuer Gesichter, überraschender Entdeckungen von kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten.

Plötzlich war es real. Wir stiegen aus dem Bus und steuerten zunächst die Boarding School an, unsere Bleibe für die nächsten Tage. Nach einem herzlichen Empfang der „House Parents“, der Betreuerinnen und Betreuer der Boarding School, und einer Erklärung der (äußerst zahlreichen) Regeln dort, nutzten wir gleich die Gelegenheit, beim abendlichen Volleyballspielen mit den englischen „Boarding Students“ erste Kontakte zu knüpfen und ihnen bereits die deutsche Sprache mit Worten wie „Schere“ näherzubringen.

Voller Erwartungen gingen wir schließlich in unseren Einzelzimmern zu Bett.

Sunday, 28th June: First connections on a delightful day off

Eine sehr warme Nacht wird am Sonntagmorgen mit einem euphorischen „Good morning!“ der House Parents und Shakiras „Hips don’t lie“ per Lautsprecher beendet. Der Tag beginnt mit einem typischen „English Breakfast“ in der großräumigen Mensa, der „School Refectory“: Baked Beans, Bacon, Porridge … Um 11 Uhr steht die Abfahrt zum Strand in der ca. 1h entfernten Stadt Southwold zusammen mit einigen der englischen Schülerinnen und Schüler auf dem Programm. Gute Voraussetzungen für die erste Lektion unserer Mission: Wie geht das, internationale Kommunikation? Wie geht man aufeinander zu, miteinander um, und nicht beide Gruppen aneinander vorbei? Disclaimer: Das ist gar nicht so leicht, wie man denkt.

Insgesamt bot der Ausflug schon einige unverfängliche Gelegenheiten, miteinander warm zu werden. Seien es gemeinsame Spiele, wie „Imposter“ auf der Busfahrt, Volleyball am Strand und insbesondere „Rounders“, eine Art Baseball, die einige der Engländer uns beibrachten. Sei es das Schwimmen im (meiner Meinung nach) perfekt temperierten Meer oder das Erkunden der pittoresken Häuser und des Piers. Die Momente, in denen das Mischen der Gruppen schon gut funktionierte und man sich traute, sprachliche Barrieren zu überwinden und ins Gespräch zu kommen, fühlten sich an, wie kleine Erfolge.

Generell verlief die Kommunikation beidseitig sehr geschmeidig und angenehm, auch wenn vereinzelt Wörter fehlten oder leichte Missverständnisse aufkamen. Wir fühlten uns unglaublich wohl und sahen das große Glück, mehrere Sprachen sprechen zu können, um uns international zu verständigen. Denn diese einmalige Erfahrung kann uns eine normale Englischstunde nicht ermöglichen. Dadurch lernten wir nicht nur, uns zu öffnen und über unsere Grenzen hinauszugehen, sondern auch uns deutlich auszudrücken und Synonyme zu finden.

Unglaublich schnell war der Nachmittag vorbei und wir wurden in der Refectory mit warmem Abendessen begrüßt. Daraufhin trafen wir uns spontan zu einer ersten Orchesterprobe in einem Wohnzimmer der Boarding School. Keine Notenständer? Kein Problem, wenn es Chinesisch-Wörterbücher, Sofalehnen und Rücken von anderen Mitspielenden gibt…

Monday, 29th June: Sectional rehearsals, cultural differences and a lovely town

Am Montag ging es dann richtig los. Nach dem Frühstück versammelte sich die Schulgemeinschaft in der „chapel“, einer Kapelle von lichter, moderner Architektur zum „assembly“. Dort erhielten wir eine Begrüßung und eine von dortigen älteren Schülerinnen und Schülern vorbereitete Predigt zum Oberthema unseres Projekts: „The importance of music in young people’s lives“. Darin wurde deutlich, auf wie viele verschiedene Weisen Musik das Leben bereichern kann – persönlich und gemeinsam mit anderen. In den kommenden Tagen sollten wir selbst erfahren, dass Musik wirklich in der Lage ist, Gemeinschaft über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg zu erschaffen. In sogenannten „Reflection times“ würden wir über genau diese Themen ins Gespräch kommen und unsere persönliche Situation während dieses Projekts reflektieren. Doch schon zu diesem Zeitpunkt wurden uns einige kulturelle Unterschiede klar: Beim Frühstück mussten wir erst einmal verstehen, dass viel Wert auf Höflichkeit, Positivität und Rituale in England gelegt wird. Beispielsweise reiht man sich um einiges geduldiger in eine Schlange ein, äußert so oft wie möglich den eigenen „absolute pleasure“, sowie „thank“- und „gratefulness“, und verlässt geordnet und in Reih und Glied die Kirche nach dem Assembly. Undenkbar am THEO? Wir gaben unser Bestes, uns dem anzupassen – lernten aber auch, dass die dafür nötige Disziplin persönlichen Interessen selbst von waschechten Engländern auch mal untergeordnet wird.

Bevor Chor und Orchester in jeweils getrennte Proben gingen, fanden ein paar gruppendynamische Spiele statt, bei denen wir die Gelegenheit bekamen, uns durchzumischen und kennenzulernen.

Nach dem Mittagessen verließen wir die Gefilde des St. Joseph’s College und brachen anschließend zu Fuß nach „Ipswich Town“ auf, während die englischen Schülerinnen und Schüler in den Nachmittagsunterricht gingen. Dort erkundeten wir in Kleingruppen den großen Park, imposante Kirchen, die hübschen kleinen Läden und Häuser der Altstadt und den Hafen mit „lost-place“-Ästhetik. Ein fester Programmpunkt war außerdem der Besuch eines Supermarkts zur Deckung des Wasserbedarfs – tatsächlich kommt dort aus der Leitung kein Trinkwasser.

Der Abend klingt entspannt im Boarding bei Volleyball, Badminton, Doppelkopf und Fußballschauen aus, dem ernüchternden Ergebnis der deutschen Mannschaft zum Trotz…

Tuesday, 30th June: the first joint rehearsals, international communication and an amazing trip to „MAMMA MIA“

Am Dienstag haben wir endlich zum ersten Mal mit dem Chor des St. Joseph's College, dem „St Jo’s Senior Choir“, geprobt. Leider fand parallel das Sportfest für die Seniors statt, sodass einige Teilnehmer des Schulchors nicht bei den Proben dabei sein konnten. Somit gab es einzelne Probleme, ob man die Lautstärke der Sängerinnen und Sängern erhöhen sollte, oder ob wir leiser spielen könnten, da der Chor sehr vage zu hören war. Oder wie schnell gespielt werden soll, da wir an unterschiedliche Tempi gewöhnt waren. Die Lehrerinnen und Lehrer beider Schulen verteidigten ihre eigenen Schülerinnen und Schüler tapfer und bemühten sich, die verschiedenen Interessen zu vereinbaren. Doch gerade daraus ließ sich lernen: Musik ist eine Art der Kommunikation. Und genau wie bei einer Sprache können Missverständnisse entstehen. Nur, wenn wir versuchen, einander wirklich zuzuhören, uns unserer Unterschiede bewusst zu sein und Kompromisse zu finden, kann sie gelingen. Dennoch sind dies Kleinigkeiten auf einem hohen Niveau: Die Qualität des Chorgesangs beeindruckte uns sehr und die Lehrkräfte beider Schulen ließen sich ein ausdrückliches Loben unseres Orchesterspiels nicht nehmen. Zudem entstand spontan eine kleine Schottisch-Folk-Gruppe aus zwei unserer Geigen, zwei Ipswicher Lehrerinnen und zwei Chor-Sängerinnen – eine richtige kulturelle Fusion eben.

Am späten Nachmittag fuhren wir mit einigen Schülerinnen und Schülern nach Norwich, um das Musical „Mamma Mia“ im Theatre Royal zu schauen. Das Publikum war von der Aufführung begeistert, besonders am Ende, wo alle aufgestanden sind, mitgesungen und mitgetanzt haben. Man kann sogar sagen: Indem die Charaktere in den herausforderndsten Situationen ihre Gefühle durch Musik zum Ausdruck brachten, wurden wir in unserer gegenwärtigen Situation abgeholt und haben ein verbindendes Erlebnis geteilt. Insgesamt ließen die ikonischen Songs in Kombination mit einem humorvollen Plot und mitreißenden Choreografien keine Wünsche offen und werden uns sicher noch lange in Erinnerung bleiben. Nach langer Fahrt und mit einer ausgelassenen Stimmung im Bus gingen wir dann schnell schlafen, da schließlich am nächsten Tag das Konzert angesetzt war.

Wednesday, 1st July: Thank you for the music and a gorgeous concert!

Am Tag des „Fusion Concert“ gingen die Proben am frühen Morgen trotz wenig Schlaf erstaunlich gut. Mit voller Besetzung und drei, vier Mikrofonen hörte man den Chor ganz klar und deutlich durch das Orchester. Dadurch wurde das Bewusstsein für das gemeinsame Musizieren noch einmal gestärkt, wodurch sich auch der Klang immer besser mischte. Umso besser war das Konzert am Abend, auch wenn das Publikum durch das parallele England-Fußballspiel eher überschaubar war, bei dem das Orchester des Theodorianum elegant in schwarz, die Chöre des St. Joseph's College in ihren Uniformen auf der Bühne spielten. Endlich konnten wir unser Programm gemeinsam mit allen präsentieren und genießen.

Neben den gemeinsamen Stücken „Adiemus“ (Karl Jenkins), „Baba Yetu“ (Christopher Tin) und „Look at the world“ (John Rutter) begeisterte unser Orchester auch mit instrumentalen Arrangements von Coldplays „Viva la Vida“ und einem „Rondo“ von Henry Purcell, bei dem auch englische Instrumentenanfänger auf Violine, Blockflöte und Saxofon mitwirkten und erste Konzerterfahrung sammeln konnten. Zudem beeindruckten sowohl der St Jo’s Senior Choir mit „What a wonderful world“ (Louis Armstrong), als auch die „St Jo’s Voices“ im Grundschulalter mit den Songs „One in a million“ und „Sing“ durch Präzision und Musikalität. Ein Intermezzo bot das schottische Volkslied „Wild Mountain Tyme“. Abgerundet wurde das Konzert schließlich durch „Thank you for the music“ von ABBA, dessen Message man als Dreh-und Angelpunkt des Projekts und unseren gemeinsamen Abschluss betrachten kann: Musik ist machtvoll und relevant - „Without a song or dance, what are we?“. Sie vereint Kulturen, erweitert den Horizont und berührt uns - „Nothing can capture a heart like a melody can“. Dass wir das alles erleben durften- „Thank you for the music“! Danke an alle Lehrkräfte des St. Joseph’s College Ipswich für die Initiierung, an Frau Röder und Frau Löbke, ohne deren Einsatz die Organisation der Fahrt nicht möglich gewesen wäre, an Frau Michaelis, die sich auf der Fahrt sowohl für die fortan bestehende Partnerschaft einsetzte sowie bei den Proben tatkräftig unterstützte, und an alle englischen und deutschen Schülerinnen und Schüler, die sich engagiert eingebracht haben, aufeinander zugegangen sind und bereit waren, im Projekt über über sich selbst hinauszuwachsen.

Das Musizieren mit den Engländern hat zum einen viel Applaus und Lob sowohl von der Schulleitung als auch von den Eltern und weiteren Zuhörern bekommen und zum anderen uns viel Spaß gemacht und uns miteinander stark verbunden. Denn nach dem Konzert sind wir noch in viele Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern gekommen und haben einzelne Kontakte ausgetauscht. Besonderes sind uns die Gespräche am Abend in Erinnerung geblieben, wo wir uns mit englischen Schülern über Dinge wie Austausche, Schulfächer, Hobbys bis hin zu Gossip unterhalten haben. Durch einen straffen Zeitplan fehlte doch während der Woche oft die Zeit für lockere Gespräche.


Thursday, 2nd July: Goodbye, Ipswich!

Am Donnerstagmorgen erwartete uns jedoch schon nach einem letzten „lovely morning!“ und „Party in the USA“ aus dem Lautsprecher und wieder der Reisebus.

Abschließend lässt sich sagen, dass die Fahrt nach Ipswich eine bereichernde und einmalige  Erfahrung war, die wir nie vergessen werden. Es bleibt die große Hoffnung, dass in Zukunft viele weitere derartige Austausche mit unserer Partnerschule stattfinden werden und viele Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit bekommen, Schule einmal so anders zu erleben: Praktisch, sozial, international. Als nächstes gilt es jedoch, die eigene Gastfreundschaft unter Beweis zu stellen: So oft, wie ein Gegenbesuch (vielleicht in diesem Herbst oder Winter?) zugesichert wurde, ist die Vorfreude auf ein Wiedersehen in Paderborn bereits groß…

Die Schüleraustauschbegegnung wurde aus Mitteln des Auswärtigen Amts gefördert und durch UK-German Connection sowie vom Verein der ehemaligen TheodorianerInnen unterstützt – auch Ihnen gilt unser großes Dankeschön.

Yolanda Wu, Josefine Wilck