Literatur-Kurs der Q1 besucht "Oh Boy" im Theater Paderborn
Bericht über den Theater-Besuch des Literatur-Kurses der Q1 am 17.04.2026
Was uns der flavoured Iced Latte mit Hafermilch über das Leben und das Theater gelehrt hat
Eine sich drehende Bühne, kuriose Szenen, eine elendige und vor allem erfolglose Suche nach einem einfachen Kaffee: das klingt erstmal nicht so, als wäre das eine angenehme oder wünschenswerte Beschäftigung für einen Freitagabend – könnte man zumindest meinen.
Für unseren Literaturkurs hat sich am 17. April um 19:30 Uhr jedoch das genaue Gegenteil herausgestellt, als wir uns gemeinsam das Stück „Oh Boy“ im Theater Paderborn ansehen durften. Person des Abends war Niko Fischer, der in den Augen dieser Welt quasi ein Versager auf ganzer Linie ist – abgebrochenes Studium, nicht gerade das beste Verhältnis zu seinen Eltern und vor allem nicht sicher, wie seine Zukunft mal aussehen soll. Nicht einmal den gegenwärtigen Tag im Jahr 2010, an dem sich das Stück abspielt, hat Niko geplant oder irgendwie im Griff. Stattdessen läuft er, nur mit dem Ziel, irgendwo einen Kaffee zu finden, durch Berlin und trifft dabei auf verschiedenste Menschen, während er die kuriosesten Situationen durchlebt: verrückte Therapeuten beim „Idiotentest“ nach dem Führerscheinentzug, ein Fremdscham erregendes Theaterstück, ein alter Mann, der von seiner Kindheit in Berlin erzählt und eben ein Iced Latte mit fancy flavour, Hafermilch und sicherlich ganz grandiosen Bohnen für sehr viel Geld. Nur den einfachen Kaffee, den bekommt er nicht.
Ohne den armen Niko am Ende von seinen Lebensfragen und der Orientierungslosigkeit zu erlösen, zeigen die Schauspielerinnen und Schauspieler der Westfälischen Kammerspiele, wie schwierig es ist, seinen Platz in einer Welt wie der unsrigen zu finden. Auswahl macht nicht glücklich, könnte man sagen, und vor allem macht sie das Leben nicht leichter – wenn alle Türen offenstehen, ist es umso schwerer, die richtige für sich selbst zu finden; vorausgesetzt natürlich, man weiß überhaupt, was das ist. Und dann kommen noch all die kuriosen Dinge dazu, die unsere Zeit zu bieten hat – ich bin sicher, dass allen direkt ein paar Erinnerungen in den Kopf kommen.
Für uns als Literaturkurs war der Inhalt des Stücks aber natürlich nicht das einzig Interessante: auf der Suche nach spannenden Inszenierungsmitteln war das Stück „Oh Boy“ in seiner Interpretation der Westfälischen Kammerspiele eine wichtige Station. Besonders die sich drehende Bühne, die Szenenwechsel fließend, aber auch sichtbar gemacht hat, hat uns fasziniert – falls unsere Aula also demnächst ein wenig anders aussieht, dann wissen wir, warum ;). Der dadurch eher minimalistische Bühnenaufbau oder Sounds wie das Klingeln eines Handys, die die Schauspielerinnen und Schauspieler kurzerhand einfach selbst gemacht haben, haben uns vor allem eines gelehrt: realistisch heißt nicht immer besser, und solche für ein Stück prägenden Inszenierungsmittel sind nunmal nur im Theater möglich. Sie schaffen eine einzigartige Atmosphäre und bringen Inhalte pointiert, authentisch und echt an ihr Publikum.
Vielleicht ist das ja für den einen oder anderen eine Ermutigung, sich mal wieder in das wirklich schöne Paderborner Theater zu verlaufen und das, was es bietet, bewusst auf sich wirken zu lassen, statt immer nur einen Film zu schauen. ;)
Amelie Anders, Q1
