Holocaust-Gedenkfeier am 27.1.

Schon fast ein Jahr ist es her, dass das Schulprojekt „Die Kinder der toten Stadt“ aufgeführt wurde. Und schon 81 Jahre ist es her, dass am 27.1.1945 das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit wurde. Trotzdem veranstalteten einige Beteiligte des Projekts zwei Gedenkveranstaltungen für die verschiedenen Altersstufen anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags. Trotzdem?

Eigentlich müsste es heißen, gerade deswegen, weil die Vergangenheit bereits so lange zurückliegt, sind solche Veranstaltungen immens wichtig, damit historische Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten. Gerade in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Unruhen sind die Themen Diskriminierung und Hass so aktuell wie nie. An verschiedensten Orten auf unserer Erde herrscht Krieg, in dem Menschen an anderen Menschen Gewalt ausüben. Auch hier in Deutschland haben einige Menschen Angst, ihre Existenz zu verlieren. Der größte gemeinsame Nenner, das Menschsein, gerät in den Hintergrund. Doch es gibt die Hoffnung, dass geschichtliche Bildung und Wissen dazu beitragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Allerdings besteht eine lebendige Erinnerungskultur nicht nur auf Fakten; um zu verstehen benötigt man Emotionen.

Musik ist ein wunderbares Mittel, um Gefühle auszudrücken. Daher bestand die diesjährige Gedenkveranstaltung zu einem großen Teil aus Liedern des Musikdramas, die vom Chor des Schulprojekts gesungen wurden. Dazwischen berichteten einzelne Mitglieder des Teams „Gesang/Schauspiel“ von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem Stück und den Auswirkungen auf die Schulgemeinschaft. Ein wichtiger Aspekt war die Beschäftigung mit dem Thema Holocaust auf ganz intensive Art und Weise, durch das Hineinversetzen in die Rolle eines Kindes, welches im Ghetto Theresienstadt gefangen ist. Des weiteren zeigte das Schulprojekt auch, wie eine Zusammenarbeit zwischen Schüler*innen aller Altersstufen aussehen kann und den Zusammenhalt untereinander nachhaltig stärkt. Zusätzlich zu den persönlichen Berichten wurden die gesungenen Lieder für das Publikum noch in den Kontext des Stückes eingeführt sowie der Inhalt vorgestellt, damit auch diejenigen, die letztes Jahr bei keiner Aufführung dabei waren, ihre Bedeutung verstehen konnten.

Die vier gesungenen Lieder stammen aus ganz verschiedenen Stellen des Stücks und verkörpern auch sehr unterschiedliche Stimmungen. Im Titellied „Die Kinder der toten Stadt“ treten die einzelnen Hauptfiguren nacheinander auf und stellen ihre individuellen Fragen zur Situation, bekommen als Antwort vom Chor jedoch nur gesagt, sie seien noch ein Kind bzw. kein Kind mehr. Diese Antwortverse zeigen die Widersprüchlichkeit einer Kindheit im Ghetto, wo es keinen Halt und keine Perspektive gibt. Das darauffolgende Lied „Immer noch derselbe Himmel“ ist eigentlich von der ältesten Hauptfigur solistisch gesungen. Hier besteht der Liedtext ebenfalls vor allem aus Fragen – Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Verändern sich Orte durch schreckliche Dinge, die an ihnen geschehen sind? Auch aus unserer heutigen Perspektive lässt sich dazu keine klare Aussage treffen. Die Stimmung des folgenden Liedes ist vollkommen anders. „Milch und Honig“ beschreibt die Vorfreude der Kinder auf die Verschönerung der Stadt, darauf, dass sich ihre Situation dauerhaft verbessert. Was sie jedoch nicht wissen: die Ausbesserungsmaßnahmen sind bloß Teil eines großen Täuschungsmanövers; nach der Inszenierung der Stadt für einen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes und Dreharbeiten für einen Propagandafilm wurden nahezu alle Beteiligten getötet und die Baumaßnahmen rückgängig gemacht. Doch obwohl das letzte Lied, „Ein Funke in der Dunkelheit“, nach dem Fortbringen der Kinder durch den Zug spielt, ist seine Stimmung nicht traurig. Stattdessen verkörpert es die Hoffnung, dass die getöteten Opfer in der Erinnerung der Lebenden für immer weiterexistieren.

Zum Abschluss sangen alle mit dem Chor zusammen ein Stück, dass nicht dem Musikdrama entstammte. Die beiden sowohl unisono als auch kanonisch gesungenen hebräischen Verse, aus denen es besteht,

„Al shlosha, al shlosha d‘ varim haolamkayam,

al haemet, v‘al hadin, v‘al hashalom, hashalom.“

handeln übersetzt von dem jüdischen Moralgesetz, das besagt, dass die Welt von Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden getragen wird. Diese Werte sollten wir uns zu Herzen nehmen und sie für die Zukunft bewahren, um in einer guten Gemeinschaft leben zu können und die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Text: Annika Odenbach (Q1)