Ästhetisches Forschen im Diözesanmuseum

Was haben die Bronzemadonna auf dem Schulhof, die grüne Tara und die Imad-Madonna miteinander zu tun?

Am vergangenen Mittwoch startete eine Schülergruppe des 9. Jahrgangs aus dem Fachbereich evangelische Religion erstmals ins Diözesanmuseum, um sich fachliche Expertise zu Madonnenfiguren zu holen und selbst ästhetisch zu forschen.

Vor den Herbstferien hatten die Jugendlichen sich bereits mit Stift und Papier mit der grünen Tara, einem weiblichen Bodhisattva des Buddhismus auseinandergesetzt. Diese Frauenfigur wurde anschließend vergleichend mit der Bronzemadonna auf dem Schulhof, einer ehemaligen Brunnenfigur aus dem 17. Jahrhundert, auf ihre Attribute und ihre Wirkung hin analysiert. Die 1628 in Kassel gegossene Madonnenfigur des Gymnasium Theodorianum ist ein Überbleibsel der Jesuitenwasserkunst (1623-1876). Gegossen wurde die Statue 1628 in Kassel bei Gottfried Köhler, einem Kanonen- und Glockengießer. Seit 1954 steht sie übrigens auf einem Sockel am Eingang des Schulhofs. Ihre wechselvolle Geschichte wird in diesem Schuljahr immer wieder in verschiedenen Kursen und Jahrgängen im Rahmen des Projektes „Wassererlebnis Paderborn – Kulturerbe Europas“ in Zusammenarbeit mit dem Programm „denkmal aktiv – Kulturerbe macht Schule“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in den Mittelpunkt kultureller Bildung geholt.

https://denkmal-aktiv.de/schulprojekt/26-27-theodorianum-wassererlebnis-paderborn-kulturerbe-europas/

Gemeinsam ist beiden Frauenfiguren aus den unterschiedlichen Religionen Christentum und Buddhismus ihre Stärke und Schutzfunktion. Auf unterschiedliche Weise wirken sie majestätisch und zugleich auch irgendwie „entrückt“. Dieser erstaunlichen Ähnlichkeit wollten wir weiter auf den Grund gehen und haben nun zwei Termine im Diözesanmuseum gebucht. Nun sind wir bezogen auf eine weitere berühmte Marienfigur Paderborns, der Imad-Madonna, im Bilde. Und auch hier trafen wir – wunderbar angeleitet durch einen halbstündigen Impuls von Frau Annalena Müller – auf interessante und komplexe kulturhistorische Zusammenhänge aus religiös zunächst vermeintlich weit auseinander liegenden Bereichen: dem Christentum und dem alten Ägypten. Denn die berühmte und etwa 1000 Jahre alte Marienfigur aus Paderborn, die unter dem Bischof Imad Einzug im Dom erhielt, ist eine „sedes sapientiae“, eine sitzende Weise. Sie trägt auf dem linken Bein das in den Proportionen erwachsen wirkende Jesuskind und ist im Verhältnis – so arbeiteten die Schüler:innen es mit der Museumpädagogin Müller sensibel und präzise beobachtend heraus, eine im Grunde riesengroße Schutzfigur, auf die sich das Kind, die kleine Bibel in der Hand haltend, stützen kann. Figuren dieser Art sind aus Ägypten bekannt: Isis, die sitzende Muttergottheit, hat ihren Sohn ebenso auf den Knien und ist ihm gewissermaßen der Thron.

Im zweiten Teil des Lernens und Forschens suchten sich die Jugendlichen im gesamten Museum Objekte aus, denen sie sich zeichnerisch mit unterschiedlichen Techniken näherten. So wurde eine Schülerin von der Reliquienbüste einer Unbekannten aus Willebadessen im Untergeschoss, vor der Domschatzkammer, angezogen. „Sie hat so einen besonderen Glanz in den Augen“, sagt sie. „Und ich finde, dass sie auch müde aussieht. Mich interessiert, wie diese Kette, die um ihren Hals liegt, gemacht ist. Das ist so interessant. Am unteren Ende, das sieht für mich aus wie Noten.“ Einen Raum weiter ist eine andere Schülerin in eine männliche Büste, die an der Wand hängt, vertieft. Sie zeichnet mit weißem Stift auf schwarzem Papier. Und sitzt mit dem Rücken zu allem Gold, das um den Liborischrein herum ausgestellt ist. „Zum ersten Mal habe ich das ausprobiert“, berichtet sie. „Ich habe mir vorgestellt, wie das auf dem Papier aussehen könnte und ich bin fasziniert, dass es genau so geworden ist. Das erlebe ich zum ersten Mal!“

Eine Schülergruppe hat sich vor der modernen Skulptur der Kassandra versammelt. Frau Müller begleitet die Schülerinnen und Schüler je nach Bedarf. Erläutert den Kassandramythos und ermöglicht den jungen Besucher:innen ein „vertieftes Sehen“ der beiden Gesichter der Kassandra. Andere begleitet sie bei der Suche nach Antworten, wie zum Beispiel der Frage, ob es sein könne, dass die Büsten von Heinrich und Kunigunde wohl auch mal auf einer Geschichtszeitschrift ausgestellt gewesen sein könnten. Wieder andere nehmen ein Kreativangebot der laufenden Ausstellung „Prophezeiungen“ an und hinterlassen Spuren an einer eigens dafür vorgesehenen Ausstellungswand.

Auf einmal verfliegt die Zeit. Und schon sind 90 Minuten Unterricht im Museum vorbei. Wie es war? Die Meinungen sind einhellig. Kurzweilig, anders. „Es ist so schön, sich frei bewegen zu können. Mal was anderes zu sehen und auch mal was anderes zu machen, als dass, was wir sonst machen“, so fasst es eine Schülerin zusammen. Eine weitere Äußerung bezieht sich auf die Ruhe, die so gut getan habe.

Anfang Dezember sind wir wieder vor Ort. Vielleicht nehmen die Forschenden ihre Schwerpunkte dann wieder auf oder suchen sich neue. Mit Frau Müller sind wir vorab für einen neuen Impuls zu den ausgestellten Werken des Leipziger Künstlers Michael Triegel verabredet. Was das mit Religion allgemein und mit Christentum oder Buddhismus zu tun hat? Wir werden uns mit „Verborgenem“ beschäftigen. Und berichten!

Mit Dank an das Diözesanmuseum für die Möglichkeit, so individuell auf unsere Anfrage hin mit uns zu arbeiten und das auch bei mindestens einem weiteren Termin weiter zu vertiefen. Besonderer Dank geht an Annalena Müller, die mit profunder Sachkenntnis und Umsicht auf alle so individuell eingegangen ist. Wir freuen uns auf den gemeinsamen Termin im Dezember!