Viel Lärm um nichts – Eine Doppel-Rezension der Paderborner Interpretation von „Leonce und Lena“

Zusammenkommen, nur weil es die Eltern wollen, kommt für Leonce und Lena gar nicht in Frage! Zumal die beiden mit sich selbst beschäftigt sind und den Sinn des Lebens suchen. Unabhängig voneinander flüchten der melancholische Prinz und die lebensbejahende Prinzessin aus den Reichen Popo und Pipi, um sich dann tatsächlich ineinander zu verlieben. Der Zufall führt zusammen, was der Zwang nicht schafft. Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ birgt viel Potenzial – Regisseur Jan Langenheim schafft es mit seiner skurrilen Interpretation im Punk-Stil jedoch nicht, dieses auszunutzen.

Zunächst jedoch sollen die durchaus positiven Aspekte der Aufführung genannt werden. Das auf den ersten Blick langweilig wirkende Szenenbild, bestehend aus Wänden und Böden, die wie alter Beton aussehen, sowie einer Art Block aus „Beton“, erfüllt eben jenen Zweck der Langweile im Rahmen des Stückes und repräsentiert den Müßiggang als eines der zentralen Motive gut. Im Weiteren sind die musikalischen Einspielungen gut umgesetzt worden.

Das Stück scheitert jedoch am generellen Ansatz der Inszenierung. Die Tatsache, dass die Figuren im Punk-Stil auftreten, trägt trotz des historischen Hintergrundes nicht zur Geschichte bei. Darüber hinaus wird nicht mit dieser Tatsache gearbeitet, wie in etwa gegenseitige Bemerkungen über den skurrilen Kleidungsstil der Figuren, nein; sämtliche auftretenden Figuren sind wie Punks gekleidet, was im Rahmen der Geschichte wenig Sinn ergibt. Warum sollten die Polizei oder der staats- und königstreue Diener Punks sein?

 

Die tatsächliche schauspielerische Leistung ist ebenfalls nicht zu bemängeln. Ganz im Gegenteil: Hauptdarsteller Robin Berenz (Leonce) und Ogün Derendeli (Valerio) haben eine wunderbare Chemie miteinander und arbeiten gut mit dem gegebenen Skript. Das Problem ist jedoch, dass das Skript dieser spezifischen Inszenierung nicht funktioniert. Szenen passieren, haben aber fast nie einen kausalen Übergang zueinander. Viel des dargestellten Humors basiert auf schrillen, lauten und teilweise übertriebenen Aktionen auf der Bühne, was von der ohnehin schon lückenhaft präsentierten Geschichte nur weiter ablenkt. Dazu trugen Dialogzeilen bei, die jedwede vorhandene Immersion ruinierten, wie zum Beispiel „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien“. Dafür, dass solche zeitgenössischen Witze zünden können, müsste das ganze Stück seine Identität klar festsetzen; letztendlich weiß das Stück nicht, was es ein will, da keine klare Richtung eingeschlagen wird.

Was die größte Lücke in der Geschichte angeht: Gesa Köhlers Lena ist am Ende des ersten Aktes und in zwei Szenen im zweiten Akt aufgetreten. „Leonce und ein bisschen Lena“ lautet also die Devise – eine Schande, wenn man bedenkt, dass auch hier die schauspielerische Leistung alles andere als schlecht war.

Letztendlich ist das Stück, wie es hier aufgeführt wird, nicht gerade empfehlenswert.

Aus einer anderen Perspektive gesehen, ist die Inszenierung allein visuell schon sehr spannend. Beispielsweise passt sich das Bühnenbild der Situation der jeweiligen Charaktere an: so gibt dem gelangweilten Leonce nur ein Betonklotz das Geleit. Gemeinsam mit Rosetta, seiner Ablenkung, begibt er sich in einen Dschungel aus Zierpflanzen im Klotz und ehelicht Lena auf dem Klotz. Wenn man die Aufführung mit einem Wort beschreiben müsste, dann vielleicht mit ‚überraschend‘. Auf der Bühne ist immer etwas los: Rosetta und Leonce gurren sich an, die Gouvernante findet sich in Valerios Armen wieder, der Kammerdiener beginnt auf einmal Cheerleading mit Kissen. Ebenso unerwartet kam, gerade für die erste Reihe, die Interaktion mit dem Publikum und die spontanen Gesangseinlagen.

Die Inszenierung mit Augenzwinkern nimmt sich auf erfrischende Weise selbst nicht ganz ernst. Jedoch sind Büchners zentrale Elemente gut zu erkennen: die Kritik an der Obrigkeit wird nicht nur am Nichtsnutz von König, sondern auch an der skurrilen Darstellung der Polizei deutlich. Auch die Sprache spielt eine zentrale Rolle: sie ist sehr bildhaft und abstrakt, jedoch oft ohne wirkliche Aussage und/oder einfach sinnfrei und dämlich. Diese Technik kennt man auch aus ‚Woyzeck‘, in dem die Sprache ebenfalls zum Karikieren von Obrigkeiten genutzt wird. Das gegenseitige Beeinflussen von Sprache und Denken sowie Handeln wird ebenfalls sehr deutlich.

Die Darsteller, allen voran Leonce aka Robin Berenz, gingen mit den Pflanzen auf der Bühne ebenso schonungslos um wie mit ihrem eigenen Körper. Berührungsängste unter einander und mit dem Publikum gibt es nicht. Leonces/Robin Berenz‘ Bühnenpräsenz lässt sich in quasi jeder Szene bewundern, während Lena (Gesa Köhler) kaum auftaucht und irgendwie nicht so recht ins Bild passt. Ein unvoreingenommener Zuschauer hätte das Stück, ohne den wirklichen Titel zu kennen, vielleicht „Leonce und Valerio langweilen sich und jonglieren deshalb mit geschwollenen Ausdrücken“ genannt. Die Gesangseinlagen und Soundeffekte komplettieren das bunte Bild ebenso wie die schrägen Kostüme. Die Masken hingegen werden durch bemalte Gesichter dargestellt und verlieren durch ihre Omnipräsenz leider etwas an Strahlkraft.

Dass es sich um eine Liebesgeschichte handelt, wird leider weniger deutlich, da die einnehmende Ausgestaltung der Szenen eher ablenkt als betont. An ihrer Zeit auf der Bühne gemessen, ist Lena unwichtig. Der Prozess des sich-Verliebens ist ebenso wie die Hochzeit schnell ‚abgefrühstückt‘ und das Stück findet ein rapides und überraschendes Ende.

Augenscheinlich lässt sich sagen, dass der Schwerpunkt bei dieser Inszenierung nicht auf der Zwangsheirat oder der Liebe liegt, was die Outline der Handlung vermuten lassen könnte, sondern auf…ja, auf was eigentlich? Müßiggang, Langeweile, nutzlose Autoritäten? Was man sicher als großen Erfolg verbuchen kann, ist, dass niemand von der Rohrkonstruktion gefallen ist - es passt zum Gesamtbild: überraschend.

(Jan Schlattmann/ Xenia Neisemeier, Q2)