“Komm, wir ziehen in den Frieden!”

Für junge Menschen sind die beiden Weltkriege des vorherigen Jahrhunderts Ereignisse, die sie zunächst erst einmal nur aus Geschichtsbüchern kennen. Gefühlt lange her, und irgendwie alles weit weg. Bei einem Begräbnis von gleichaltrigen Soldatinnen und Soldaten dabei zu sein, die nie erleben durften, wie es ist, eine Ausbildung zu machen, eine Familie zu gründen, setzt die Erkenntnis ein, wie wertvoll Frieden ist. Schülerinnen und Schüler des Paderborner Theodorianum und ihrer englischen Partnerschulen, des Mildenhall College in Bury und des St. Joseph’s College in Ipswich, erlebten genau das. Gemeinsam reisten sie ins belgische Mesen, um als Chor und Orchester die Gedenkveranstaltungen zur Einbettung britischer und deutscher Soldaten mitzugestalten, die im 1. Weltkrieg gefallen waren. Auf dem Programm standen gemeinsame Auftritte im Rahmen zweier Einbettungszeremonien, in denen 13 englische und am folgenden Tag über 70 deutsche Soldaten unter militärischem Geleit ihre letzte, würdige Ruhestätte fanden. Höhepunkt der Woche war das Gedenkkonzert “Dig Hill 80 – in Memoriam” in der örtlichen Kirche in Wijtschate, in dem die Paderborner und englischen Schüler gemeinsam u.a. den zweiten Satz aus Beethovens 7. Sinfonie und das “Benedictus” aus Karl Jenkins “The Armed Man” aufführten. Während zu den klassischen Klängen historische Aufnahmen der Kriegsjahre 1914-1918 gezeigt wurden, brachten die Jugendlichen mit dem Schlusslied ihr eigenes Fazit der Woche zum Ausdruck: “Komm, wir ziehen in den Frieden!” “Wir erlebten eine einzigartige Woche gegensätzlicher Eindrücke: sinnloses Töten und Sterben junger Menschen vor mehr als 100 Jahren, und dann der warmherzige Austausch mit unseren englischen Freunden. Musik verbindet!” bilanziert Gudrun Brill, Leiterin des Schulorchesters am Theodorianum Paderborn. 

 

Deutsche Truppen nahmen den belgischen Ort Wijtschate im November 2014 bei der Ersten Flandernschlacht ein und bauten diesen als Militärstützpunkt aus. Die so genannte Höhe 80 in Wijtschate war im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 von strategischer Bedeutung und deshalb hart umkämpft: Mit einer leichten Erhebung von 80 Metern über dem Meeresniveau bot sie einen weiten Ausblick in die tieferliegende Ebene, in der sich die alliierten Stellungen befanden. Der Ort wurde durch Artilleriebeschluss vollständig zerstört. Als 2015 dort Wohnhäuser gebaut werden sollten, fand man auch sterbliche Überreste gefallener Soldaten und Spuren der militärischen Stellung. Historikern und Archäologen gelang es, die Kriegsgeschichte an diesem Ort anhand zahlreicher Funde zu rekonstruieren. Die in einem Massengrab eilig verscharrten deutschen und britischen Soldaten wurden in Gräber umgebettet und fanden nun ihre letzte, würdevolle Ruhe.

 

 

Während in der Politik die Brexit-Verhandlungen immer noch und immer weiter für Schlagzeilen sorgen, um den Ausstieg Großbritanniens aus der EU vorzubereiten, gehen hier eine deutsche und englische Schule bereits seit November 2014 einen völlig anderen Weg, “den der tiefergehenden Freundschaft”, erläutert Brill. Diese begann mit der Einweihung des von beiden Schulen entworfenen Denkmals zum Weihnachtsfrieden im belgischen Ort Ypern. Dort geschah im Winter 1914 eine Art Wunder von Weihnachten: Am Heiligabend legten deutsche und britische Soldaten ihre Waffen nieder, ohne dass eine offizielle Waffenruhe vereinbart worden war. Zwischen den Schützengräben herrschte Stille, die Soldaten feierten gemeinsam Weihnachten. Zwei Jahre lang arbeiteten beide Schulen an ihrem gemeinsamen Entwurf. Entstanden ist ein 1,70 m hohes steinernes Denkmal. Hineingraviert sind dort die Worte “Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht”. Genau dieses Weihnachtslied sollen die deutschen und britischen Soldaten in dieser Nacht angestimmt haben. Die Schülerinnen und Schüler stellten das Projekt auch im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Eine Spurensuche im Kreis Paderborn 100 Jahre nach Beginn des Weltkrieges” des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im vergangenen Jahr vor. Vorsitzender des Volksbundes, Kreisverbands Paderborn ist Landrat Manfred Müller. Zuletzt hatten beide Schulen eindrucksvolle Konzerte zum 100. Jahrestag des Ende des 1. Weltkrieges im vergangenen Jahr geboten.