Strukturwandel hautnah - Exkursion der Geographiekurse ins Ruhrgebiet

Unsere erste Station war die Zeche Zollverein in Essen. Dort erfuhren wir, dass in der Zeche Kohle unter Tage abgebaut und dann gefördert wurde – zum ersten Mal 1851. Zu dieser Zeit gab es allerdings noch viele, hohe Zölle, weshalb sich bald eine Art Gewerkschaft bildete, die gegen diese anging. So kam auch der Name Zeche „Zollverein“ zustande.


Über hundertdreißig Jahre lang wurde in der Zeche Kohle abgebaut, bis das lange größte und modernste Werk der Welt 1986 stillgelegt wurde. Im Laufe der gesamten Zeit wurde zwar in insgesamt vierzehn Stollen Kohle abgebaut, aber nur an einer Stelle an die Oberfläche befördert. Dieser Förderturm wurde mit der Zeit und den größer werdenden Fördermengen modernisiert, bis man schließlich den heute als Erkennungsmerkmal der Zeche geltenden „Doppelbock“ nutzte.


In dieser Zeit wurden auch jegliche Arbeitsschritte der Kohlegewinnung und -weiterverarbeitung immer weiter modernisiert, wodurch schon mit der Zeit viele Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt wurden.


Der Kohleabbau diente vor allem der Koks- oder Kokskohleerzeugung für die Stahlindustrie. Denn die geförderte Kohle war sehr porös und musste nach gründlicher Sortierung und Waschung in den Kokereien zu stabilem und hitzebeständigerem Koks, der das Gewicht von Stahl und die hohen Temperaturen in den Hochöfen aushielt, gebacken werden.


Untertage wurde in Achtstunden-Schichten gearbeitet, ab einem Alter von sechzehn Jahren. Ab vierzehn Jahren wurde man Übertage eingesetzt, zum Beispiel in der, anfangs noch von Hand am Fließband vorgenommenen, Vorsortierung. Hier wurden grobe Gesteinsbrocken von der Rohkohle getrennt. Mit der Zeit wurde diese Aufgabe aber von Setzmaschinen (Siebanlagen und -trommeln) übernommen. Nach dem Sieben kam die Kohle in die Kohlewäsche und wurde hier in Grobkohle für das Heizen der Haushalte und Feinkohle, das Hauptprodukt des Abbaus, getrennt. Die Feinkohle wurde in Kohlebunkern gelagert und schließlich von Zügen zu den Kokereien befördert. So zum Beispiel von der Köln-Minden-Eisenbahn, welche die erste des später weit verzweigten Eisenbahnnetzes zur Beförderung der Kohle war. Ein Großteil der Kohle wurde auf diesem Wege der Stahlindustrie in Duisburg zugeführt, worüber wir aber im Landschaftspark noch mehr erfuhren.


Der bekannte Kumpelgruß „Glück auf“ kommt daher, dass die Kumpel lange Zeit nach ihrer abgebauten Kohlemenge bezahlt wurden und bei zu wenig Menge keinen Lohn bekamen, ihre Wagen wurden „genullt“. Also wünschte man sich, dass man weiche Kohle und kein hartes Gestein erwischte, dass sich also der Boden gut „auf“ tat. Insgesamt war es eine harte Arbeit für die Kumpel, zum Beispiel wegen der Hitze untertage, dem Lärm und nicht vorhandenem Gehör- und Arbeitsschutz und wegen des Staubes von Gestein und Kohle, weshalb viele Kumpel an „Staublunge“ erkrankten oder starben.


Es passierten auch immer wieder Grubenunglücke, vor allem Kohlestaubexplosionen. Deswegen, und zur Senkung der Temperaturen in den Stollen, mussten die Stollen immer gut belüftet, „bewettert“, werden. Zu Anfang des Kohlebergbaus dienten hier Wellensittiche zur Indikation des Sauerstoffgehalts der Luft. An diese Gefahr erinnern heute große, gelbe Vogelskulpturen, die in Essen aufgestellt sind. Neben den Wellensittichen wurden anfangs auch Pferde als weitere Tiere zur Beförderung der Kohle untertage genutzt.


Heute wurde das Gelände umgenutzt und die Wirtschaftsstruktur erfuhr eine Tertiärisierung. So gab es zwar oft noch Bodenabsenkungen, zumindest in Essen aber besteht dieses Problem heute nicht mehr. Im Gegenteil: Essen gilt heute als eine der grünsten Städte und ist im Jahr 2017 „Grüne Hauptstadt Europas“. Auch die Berge von aufgeschüttetem Gestein im ganzen Ruhrgebiet wurden renaturiert und zu Freizeitgebieten umfunktioniert. Das Areal der Zeche gilt heute als Kulturzentrum, das jährlich etwa 1,5 Millionen Besucher anzieht. Es werden immer wieder verschiedene Freizeit- und Kulturveranstaltungen organisiert, und auch für Feste oder Firmentagungen wird es oft gebucht. Neben den Führungen, wie wir eine mitmachten, gibt es auch noch das Ruhr-Museum. Das Treppenhaus hierhin ist im ehemaligen Kohlebunker und orange beleuchtet. Diese Farbwahl soll an das Feuer und den flüssigen Stahl erinnern. Außerdem gibt es seit 2010 eine Universität der Künste. Die Förderräder des Doppelbocks drehen sich auch heute noch. Dies aber nicht nur zur Show und auch nicht mehr zur Kohleförderung, aber in den darunterliegenden Schächten sammelt sich heute Wasser. Dieses Schachtwasser darf nicht ins Grundwasser gelangen, da es dieses sonst verschmutzen würde. Heute befinden sich unter dem Doppelbock daher Wasserpumpen, die mit den Förderrädern etwa 19.000 Liter Wasser alle zehn Minuten aus den Stollen pumpen.


Damit war unsere Führung durch die Zeche Zollverein beendet, und wir machten uns auf zu unserem nächsten Ziel, dem Landschaftspark Duisburg Nord. Nach etwa 30 Minuten Busfahrt erreichten wir diesen und hatten dann erst mal eine gute Stunde Pause um zu Essen, Trinken und das Gebiet schon einmal auf eigene Faust ein bisschen zu erkunden.


Der Landschaftspark Duisburg ist für jeden frei und rund um die Uhr zugänglich. Direkt am Eingang fielen uns schon bei unserer Ankunft ein Café und ein Imbiss auf, erste Anzeichen für die Umnutzung und die Tertiärisierung auch dieses Areals.


Von unserem Führer erfuhren wir, dass auf dem zwei Quadratkilometer großen Gebiet eine Eisenhütte betrieben wurde, in der seit 1903 Roheisen geschmolzen wurde. Nachdem zuerst Alfred Krupp in Essen eine solche Eisenhütte erbaut und Methoden erprobt hatte, ließ danach August Thyssen in Duisburg innerhalb von sieben Jahren diese Eisenhütte erbauen. Zu Hochzeiten der Montanindustrie waren in Eisenhütte, Bergwerk und Kokerei jeweils etwa 1.400 Arbeiter beschäftigt. Für „Nichtarbeiter“ allerdings, war das Gebiet eine „verbotene Stadt“.


Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Werk, anders als die Zeche Zollverein, schwere Schäden, wurde danach aber wieder aufgebaut und bis 1985 weiter betrieben. Danach wollte niemand das Gelände erwerben, auch nicht die Stadt Duisburg als Geschenk, also kaufte es schließlich der deutsche Bund für 1 Deutsche Mark und weitere 1,80 D-Mark Verwaltungskosten. Die noch vorhandenen Gebäude wurden allerdings einfach stehen gelassen, sodass sie heute für Kultur, Freizeit und andere Veranstaltungen genutzt werden können.


Zuerst kamen wir zum Gasometer, in dem damals das Gichtgas aus den Hochöfen zwischengelagert wurde. Heute kann man in dem Gasometer zwischen Flugzeug- und Autowracks, alten Zahnarztstühlen und vielen anderen Dingen tauchen, was vom eigenen Tauchverein, aber auch der Feuerwehr für Übungstauchgänge genutzt wird.


Danach kamen wir an der Gebläsehalle vorbei. Diese Halle stand damals voll mit großen Gebläsemaschinen für Heißluft. Nach der Stilllegung wurden die Wände mit Klarlack konserviert und es wurde eine Tribüne für Konzerte und Tagungen erbaut.


Weiter ging es zu den Gießhallen, welche während der Nutzungszeit etwa alle zwei Stunden „abgestochen“ wurden. In der einen der beiden Gießhallen befindet sich heute ebenfalls eine Tribüne und eine „Beachlandschaft“, wo an vierzig Tagen im Jahr aktuelle Filme gezeigt werden, was insgesamt etwa 40.000 Besucher pro Jahr anzieht. In der Gießhalle 2 befindet sich heute der Hochseilparcours „Expedition Stahl“.


Als Nächstes sahen wir uns den „Cowper Platz“ an. An diesem Platz, der durch den Abriss von drei der insgesamt fünf Hochöfen schon während der Betriebszeit der Eisenhütte entstand, finden heute verschiedene Kulturevents, besonders Festivals, statt. Das Erz, das in diesen Hochöfen geschmolzen wurde, kam aus vielen anderen Ländern und Kontinenten, wodurch auch viele Pflanzenarten ins Ruhrgebiet „eingeschleppt“ wurden. Die Eisensorte, die in den Hochöfen produziert wurde, hing vom jeweiligen „Möller“ ab, also der Mischung beziehungsweise dem Mischverhältnis von Koks, Erz und Kalk, welche zusammen die Gicht ergaben. Sie wurde auch als „Geschenk“ an den Hochofen bezeichnet, während man vom Ofen das Gichtgas erhielt.


Zu Beginn wurden die Formen für die Eisenbarren mit Steinblöcken von Hand gelegt. Dieser schwere Arbeitsschritt musste von den Arbeitern etwa neun Mal am Tag erledigt werden, denn so oft wurde ein Hochofen in der Regel „angestochen“. Nach 1953 wurde das flüssige Roheisen direkt in Wagen verladen und abtransportiert. Bis 1953 floss es aus dem Ofen in die Steinformen und erkaltete, während die leichtere Schlacke in „Schlackepfannen“ geleitet und auf Halden gelagert oder im Straßenbau verwendet wurde.


In einem solchen Schmelzofen herrschte, durch die Heißluftzufuhr, eine Temperatur von etwa 2000°C. Diese waren gemauert und wurden zum Schutz von außen mit einem Wasserkühlsystem gekühlt. Normalerweise war ein Hochofen zur damaligen Zeit zehn bis zwölf Jahre ohne Unterbrechung in Betrieb. Waren die Steine jedoch kaputt, wurde der Ofen ausgestellt, neu aufgemauert und wieder in Betrieb genommen. Lediglich Ofen 2 ist in der gesamten Betriebszeit einmal durchgeschmolzen.


Bis in die 1950er Jahre wurde an den Hochöfen in Zwölf-Stunden-Schichten gearbeitet, allerdings herrschte in der Nachkriegszeit ein extremer Arbeitermangel, wodurch sich erste Gewerkschaften gruppierten und höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen konnten. Später erhielten Arbeiter in der Eisenhütte dreimal mehr Lohn als andere, zum Beispiel Handwerker, waren allerdings auch vielen Krankheiten und Gefahren ausgesetzt.


Das gewonnene Roheisen enthielt durch den, in den Schmelzvorgang involvierten Koks, viel Kohlenstoff und war daher noch brüchig. Deswegen musste das Roheisen weiter bearbeitet und der Kohlenstoff herausgetrennt werden, sodass man biegsamen Stahl erhielt, der zum Beispiel gewalzt werden konnte.


Heute werden in Duisburg noch sechs große Hochöfen betrieben. Diese können aber mittlerweile bis zu fünfundzwanzig Jahre am Stück betrieben werden, und nur einer von ihnen produziert zwölfmal mehr Roheisen als der größte Hochofen damals.


Wir bestiegen auch einen Hochofen, dessen Plattform 54 Meter über dem Boden ist, von hier konnten wir zum einen die nahe gelegene Industrie, Kokereien und Bergwerke, aber auch die mittlerweile stattgefundene Renaturierung des gesamten Ruhrgebiets betrachten. So gibt es alleine im Landschaftspark heute über sechzig Vogel- und über einhundert Pflanzenarten. Des Weiteren erfuhren wir, dass eine Kokerei den Wasserverbrauch von gesamt Bayern und einen Stromverbrauch wie ganz Berlin aufweist. Damals wurde der Strom für die Eisenhütte direkt auf dem eigenen Gelände mit Dynamos in der Kraftwerkzentrale gewonnen, später von Kraftwerken von außerhalb des Parks „importiert“.


Auch gab es direkt auf dem Gelände ein Gebäude für die Verwaltung und eine Kantine, in der auch Bier ausgeschenkt wurde. Da einige Unfälle aber auch auf den Alkoholkonsum während der Arbeitszeiten zurückzuführen waren, wurde der Bierausschank auf dem Gelände1952 eingestellt. In diesem Gebäude findet man heute unter anderem eine Herberge und einen Fahrradverleih für die Erkundung des Parks.


Damals waren in der gesamten Duisburger Montanindustrie etwa 80.000 Menschen beschäftigt, während es heute nur noch etwa 16.000 sind. Der einzige noch wachsende Wirtschaftszweig ist der Logistikbereich, und vor allem zu China werden starke Wirtschaftsbeziehungen gepflegt.


Unsere Führung endete schließlich an einem Wasserspielplatz auf dem Gelände, wo wir uns bei den heißen Temperaturen von der sehr informativen Tour erholen konnten.

Um 16:30 Uhr fuhren wir wieder zurück nach Paderborn und erreichten um etwa 19:00 Uhr erschöpft, aber um einiges schlauer, wieder den Maspernplatz.


Text: Daniela Wegener und Marie Hochrein (Q1)

Großteil der Fotos: Paul Budde (Q1)